Um mich auf meinen Indien-Aufenthalt vorzubereiten, habe ich vor meiner Abreise das Buch
„KulturSchock Indien“ [Rainer Krack] gelesen. Seit ich hier bin überprüfe ich täglich, ob meine Erlebnisse auch tatsächlich mit der im Buch beschriebenen „Das ist Indien-Realität“ übereinstimmen. Und tatsächlich, 95% des Gelesenen stimmt mit meinen persönlichen Erfahrungen überein.
Natürlich sind in diesem Buch nicht nur die schönen Seiten Indiens beschrieben. Einige der weniger schönen Seiten durfte ich am Wochenende und in den letzten Tagen erleben…
Freitag 12. November 2010, unsere Zugtickets wurden nicht bestätigt. Wir nehmen den Bus nach Tirupati, mit dem Übel, dass wir zwei Stunden später ankommen werden, als ursprünglich geplant. Nach 14 Stunden Busfahrt sind wir schließlich gegen 7.00 Uhr in der Nähe von Tirupati. Wir steigen aus, ich schnüre meine Wanderstiefel voller Vorfreude auf das bevorstehende Naturereignis, als mich Ravi fragt: „Hast du mein Handy gesehen? Und wo ist eigentlich deine Regenjacke?“. Oh Shit - beides befindet sich wohl noch im Bus. Meine Regenjacke ist nicht das Problem, aber ein Inder ohne Handy (Foto 1) ist wie ein PCR-Ansatz ohne Taq-Polymerase bzw. wie ein Rheingauer ohne Riesling.
Foto 1: Ravi und das Handy. Keine Ahnung wie viele Minuten Inder und Inderinnen am Tag mit ihrem Handy in trauter Zweisamkeit verbingen... ;-)
Bis wir schließlich nach 3 Stunden Handy und Regenjacke wieder haben (ich hätte in seiner Situation genauso gehandelt, deshalb war das schon ok ), sind wir leider megamäßig zu spät für das Trekking!
- Das ist "auch" Indien! - Daraufhin beschließen wir weitere 6 Stunden im Bus zu verbringen und nach Bangalore (~300 km entfernt von Tirupati) zu fahren. Ein guter Freund von Ravi hat am Sonntag Geburtstag. Und wenn schon kein Trekking, dann doch wenigstens Geburtstag feiern und eine weitere indische Stadt sehen. Leider hat der Bus von Tirupati nach Bangalore ebenfalls Verspätung
- Das ist "auch" Indien! - Wir warten also 2 Stunden am indischen Busbahnhof (Foto 2):
Foto 2: Warten am indischen Busbahnhof.
„Ein Westmensch wirkt wie ein Magnet auf die, die weniger haben als er. Ein Sparschwein auf zwei Beinen, man hört es direkt klimpern. So hängt sich ein Tross von Bettlern an seine Fersen…“ [Auszug aus „KulturSchock Indien“, Rainer Krack]
Frauen, Männer und kleine Kinder strecken mir ihre Hände entgegen, ziehen an meinen Kleidern, schauen mich mit leidenden Blicken an und rufen „One rupee, please“, „Ten rupee, please“ oder „Twenty rupee, please“
- Das ist "auch" Indien! -
Ich sitze auf dem Boden und warte auf den Bus. Eine der zahlreichen Frauen mit Kind streckt mir ihre Hand entgegen und bettelt mich an. Ich verweigere mich und kassiere dafür einen Tritt in meinen Rücken…
- Das ist "auch" Indien! -
Nach insgesamt mehr als 24 Stunden Reisezeit kommen wir in Bangalore gegen 21.00 Uhr an. Dort nehmen wir uns Hotelzimmer, duschen, gehen essen und kaufen auf ausdrücklichen Wunsch von mir 2 Flaschen Bier (der erste Tropfen Alkohol seit ich hier bin; in Indien trinkt man in der Regel nicht). Über den Geschmack lässt sich streiten, aber ich war froh, dass ich überhaupt ein Bier bekommen habe…
Sonntag 14. November 2010, wir treffen uns mit Ravis Kumpel und dessen Freunden und fahren mit dem Bus (mit was auch sonst ;-)) zum
Wonder La Freizeitpark in Bangalore. Dieser Freizeitpark bietet nicht nur Autoscooter, Free Fall Tower etc. sondern auch zahlreiche Wasserspass-Erlebnisse (Picasa-Webalbum).
Picasa-Webalbum
Im Freizeitpark wurde ich mit einem weiteren Problem konfrontiert: schwimmen gehen in Indien. Natürlich habe ich gelesen, dass man nicht zu viel Haut zeigen soll etc. pp.. Deshalb hatte ich über meinen Tankini auch meine kurze Trekkinghose und ein T-Shirt an. Dort angekommen sehe ich jedoch vereinzelt Mädels mit Trägertops. Mir kommt in den Sinn, dass ich wenigstens heute ein paar Sonnenstrahlen abbekommen könnte. Um meine fixe Idee jedoch wirklich abzusichern, erkundige ich mich bei den Mädels, ob es wirklich ok ist, „so viel“ (für indische Verhältnisse) Haut zu zeigen (siehe Foto in Picasa-Webalbum).
„Die Westlerin gilt bei den indischen Männern als besonders freizügig, als sexueller Geheimtipp, was in Anbetracht der relativen Prüderie ihrer eigenen Kultur gerechtfertigt sein mag….Ein nacktes Bein oder ein tiefer Ausschnitt wirken ungemein provozierend auf die indische Herrenwelt….“ [Auszug aus „KulturSchock Indien“, Rainer Krack]
„Eine indische Frau zeigt mit ihrem Sari zwar viel Bauch und Rücken – eine freie Schulter, die Beine vom Knöchel aufwärts und ein tiefer Ausschnitt sind aber tabu. Aufgrund der unterstellten Unmoral des Westens werden westliche Frauen gelegentlich herablassend behandelt: ein Kniff in den Hintern hier, ein Griff zwischen die Beine dort. Im Westen so nimmt man an, ist das nichts Besonderes. Die Verwunderung ist zumeist groß, wenn die so „Betatschte“ sich heftig wehrt.“ [Auszug aus „KulturSchock Indien“, Rainer Krack]
Ich stehe in einem Schwimmbecken, zusammen mit Ravi und seinem Kumpel, in dem sich in den nächsten Minuten zwei Meter hohe Wellen auftürmen sollen. Da indische Frauen noch schlechter schwimmen können als indische Männer, befinden sich um uns herum ca. 30-40 grölende 20-30 jährige indische Männer. Plötzlich kneift man mich in den Hintern. Ravi und sein Kumpel nehmen mich schützend in die Mitte. Die Wellen werden stärker. Wir treiben auseinander. Plötzlich fühle ich mehrmals patschende indische Männerhände auf meinen Brüsten, die schließlich versuchen mir mein Tankini-Oberteil vom Leib zu reisen…..Ich verlasse fluchtartig das Wasser, bin stinksauer und hammermäßig schockiert und enttäuscht, dass so etwas tatsächlich passiert.
- Das ist "auch" Indien! -
Ravi und sein Kumpel waren sichtlich beschämt über das Verhalten ihrer indischen Landsleute. Und ich hätte mich besser auf das Buch und mein zweifelndes Bauchgefühl, das mich bei meiner fixen Sonnenidee überkommen hat, verlassen sollen, also auf die Auskunft von gebildeten, weltoffenen indischen Freunden, die sicherlich nicht den Durchschnittsinder/in widerspiegeln.
Ein paar Auszüge aus den letzten Wochen/Tagen:
Schlendere ich die Straße entlang, drehen sich zahlreiche Hälse in meine Richtung um und schauen mir mit offenem Blick ins Gesicht. Frauen und Kinder lächle ich an und ernte dafür auch meistens ein noch viel größeres Lächeln. Männerblicke meide ich.
- Das ist "auch" Indien! -
Ich sitze gestern Morgen auf der Toilette (entschuldigt bitte, dass ich das so schreibe, aber dieses Erlebnis ist echt zu krass) als ich plötzlich Männerstimmen höre. Ich drehe meinen Kopf nach oben in Richtung Lüftungsschacht und blicke plötzlich direkt in zwei indische Männeraugen.
- Das ist "auch" Indien! -
Heute sind Sandhya, Swapna und ich dem Lüftungsschacht auf die Spur bzw. auf das Dach gegangen und haben uns in die Position des indischen "Spanners" begeben. Von dort aus kann man mir wunderbar bei der täglichen Körperpflege (Toilettengang, Dusche etc.) zuschauen. Ob es ein dummer Zufall war oder beabsichtigt, kann ich nicht sagen. Wir haben uns heute auf jeden Fall beschwert, worauf man am Lüftungsschacht Scheiben angebracht hat. Zur Sicherheit habe ich noch ein Handtuch davor gehängt.
Muss ich z.B. am Busbahnhof für eine Weile alleine warten, dauert es meist nicht lange bis ich angesprochen oder „vollgesülzt“ werde - zumeist von indischen Männern. „Where are you from?“, gefolgt von „What´s your name?“ sind die Standardfloskeln mit denen jedes Gespräch beginnt. 50% der Gespräche sind nett. 50% der Gespräche sind aus meiner Sicht „dummes angelabert“ werden.
- Das ist "auch" Indien! -
Sandhya und ich verlassen gerade den Busbahnhof, als mich ein wildfremder Inder in meinem Alter anspricht, ob er ein Foto mit mir machen darf. Sein Englisch war nett, deshalb habe ich eingewilligt. Welche Geschichte er wohl seinen Freunden zu diesem Foto erzählt?
- Das ist "auch" Indien! -
Ich meide nach Einbruch der Dunkelheit längere Wege allein zu Fuss. Ich habe es so langsam satt (insbesondere bei etwas schlechterer Tagesstimmung), ständig und überall "angelabert" und angeschaut zu werden. Mein sonst freudig strahlendes Gesicht hat sich zum Selbstschutz schon einen düsteren Blick angeeignet ;-). Meine Hautfarbe und mein Geschlecht wirken aber trotzdem wie ein Magnet auf Inder.
Alle diese Erlebnisse kann man wohl unter dem Satz von Sandhya „Indians are crazy about foreigners“ was so viel bedeutet wie „Inder sind verrückt nach Ausländern“ zusammen fassen.
So langsam wird es Zeit, dass der Rummel um meine Person ein Ende hat. Ich freu mich schon wieder auf deutsche Privatsphäre, meine Unabhängigkeit und Bikini-Wasserspass-Erlebnisse ohne indische Patschehände auf meinem Körper!
Wie ihr hört, hatte ich in den letzten Tagen einen kleinen indischen Durchhänger! Aber ein wenig Heimweh ist wohl ganz normal, insbesondere dann, wenn man so eine tolle Familie, Freunde und Arbeitskollegen vermissen darf!!!
JacquiHirsch - Sa, 20. Nov, 16:50